Lysistrata und der Single  

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9/2/2006 10:19 pm

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9/5/2006 11:31 am

Lysistrata und der Single


von
Thomas Griesbacher

Lysistrata

man kann sich seine Einsamkeit
nicht aussuchen
sie steht in keinem Katalog
der Heiratsinstitute
ist nicht im Telefonbuch verzeichnet
trägt jeden Tag
ein anderes Make-up

das erste Rendezvous mit ihr
schmeckt meistens bitter
sie zwängt sich durchs Schlüsselloch
schließt die Tür hinter sich ab
wirft sich ungefragt
in deine Arme

sie ist eine sadistische Liebhaberin
umklammert dein Herz
mit tausend Händen
erdrückt dich voller Leidenschaft
weckt unerfüllte Träume
in deinem Gehirn

allgegenwärtig ist ihre Eifersucht
doch selbst geht sie fremd
mit anderen
veranschlagt den zweithöchsten Preis
für ihre Dienste
birgt das launische Gemüt
einer Hure in sich

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von
Jürgen Flenker

SINGLE

Morgens vorm Spiegel:merkwürdiger Anblick.Vertrauter Fremdling hinter
quecksilberbeschichtetem Glas.Maskenhaft verzerrt,ein unbekanntes Gesicht.Das eigene Ich also,potentieller Lebenspartner.
Die Wohnung durch plötzliche Leere größer wirkend,befreit von überflüssig gewordenem Inventar: Ergebnis gütergemeinschaftlichen Zusammenlebens.Zudem: ungeahnter Raumzuwachs im partnerschaftlichen Bett.Allenfalls als Manko empfunden: das plötzliche Fehlen der Kaffeemaschine.
Später am Herd: Aufbrühen von Instantkaffee.
Ich bin so frei.
Unbekannte Nachlässigkeit beim Frühstück.Mit dem Finger den Rest Marmelade aus dem Glas kratzen.Sich unbeobachtet wissen,wiedergewonnene
Freiheit auskosten,das domestizierte Selbst renaturieren: Ausbruch unmerklich angestauten Nachholbedarfs.
Dann langsames Reifen eines Entschlusses: Vergangenes vergangen sein lassen.Den Blick starr nach vorn gerichtet,gerät Alleinsein zur einzig annehmbaren Form der Daseinsbewältigung.Was gut für mich ist,weiß ich selbst am besten.Seelische Kompensation durch Flucht nach vorn,unwiderstehlicher Drang zu den Ufern modisch kultivierter Unverbindlichkeit.
Schweifender Blick im halbentleerten Raum:
Weiße Flecken hinter abgehängten Bildern beschämen die graue Tapete,gaukeln erfolglos den Stillstand der Zeit vor.Vorübergehendes Verharren des Blicks: dort die Fotografie neben dem Fenster,der partiellen Wohnungsauflösung irrtümlich entkommen,lithographiertes Relikt zweigeteilter Vergangenheit: Rosa Luxemburgs kämpferisches Profil,permanent kündend den Satz von der Freiheit,die immer die Freiheit des Andersdenkenden sei.Entschlossenen Schrittes zum Fenster,Abnehmen des Bildes,ein Opfer persönlichen Stilwillens,Verbannung inmitten wertlosen Krams.
Mittags ein Mikrowellengericht.Das Leben ohne Zeitverlust.Garzeit 3-6 Minuten.Die schnelle Vollwertküche für Singles.Marktorientiertes Zugeständnis konsumentenfreundlicher Werbestrategie.Zeitgeist rhetorisch komprimiert.
Vor dem Schlafengehen nochmal hinaus: Eintauchen in bierdünstige Männerfreiheit.Die Kneipe als Garant seelischer Unversehrtheit.Melancholie ertrinkt in geduldigen Gläsern.
Auf dem Heimweg:
angenehme Leichtigkeit gepaart mit schaukelnder Leere.Alkoholisch paralysiert tappen die Ängste schwankend im Dunkeln.
Dann:
Ausziehen,Hinlegen,Hinüberdämmern im viel zu großen Bett.Unmerklich gleitet ein Traum in die Tiefe.
Augen als Spiegel der Seele:
geschlossen,doch angstvoll nach innen gekehrt.Ein Wort erscheint im Traum.Ein Wort,oft betäubt,stehts überschrien.Ein Wort,entwertet,verrufen,verhindert,verlacht.Ein Wort,trotzdem nicht totzukriegen.
Ein Wort:
Einsamkeit.

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