Schneider: Heimvorteil kann den Unterschied ausmachen  

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6/13/2006 12:32 am

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6/14/2006 1:08 am

Schneider: Heimvorteil kann den Unterschied ausmachen

Schneider: Heimvorteil kann den Unterschied ausmachen

12. Juni 2006

Die Begeisterung steigt schon jetzt schier ins Unermessliche. Wo immer man hinschaut, in Deutschland herrscht eine Euphorie wie noch nie. Die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2006™ zieht im Gastgeberland alle in ihren Bann. Bernd Schneider, der die Auswahl von Bundestrainer Jürgen Klinsmann im Eröffnungsspiel gegen Costa Rica gar als Kapitän auf den Platz führen durfte, sitzt derweil seelenruhig und lässig im mächtigen Berliner Medienzentrum des Deutschen Fussball-Bundes und erzählt FIFAworldcup.com mit all seiner Erfahrung von nunmehr 65 Länderspielen trocken: "Man sieht, dass die Leute hinter uns stehen. Das freut uns natürlich."
Es ist vermutlich exakt jene Bodenständigkeit, die den 32-Jährigen in seiner illustren Karriere bis in die Weltspitze getrieben hat. Obwohl ein begnadeter Techniker und hervorragender Passgeber, zeichnet Schneider seit Jahren im deutschen Dress immer wieder für jene Aufgaben verantwortlich, die im Schatten der spektakulärer agierenden Stars wie Michael Ballack oder Bastian Schweinsteiger unerlässlich sind, um Erfolg zu garantieren. Er stopft die Löcher, er ist jederzeit anspielbereit und er füllt sogar die Lücke als rechter Verteidiger aus, wenn es nötig ist - wie bei der FIFA WM 2002™ in Korea/Japan. "Schnix" ist einzigartig in Klinsmann Kader, denn er schöpft Kraft im Stillen, um es dann auf der großen Fussball-Bühne in schöner Regelmäßigkeit krachen zu lassen.

Druck ist für ihn ein Fremdwort. Und die überdimensionale Erwartungshaltung, mit der das DFB-Ensemble auf heimischem Terrain konfrontiert ist, scheint für den Leverkusener eine Randerscheinung zu sein. "Druck? Nein, so weit sind wir noch nicht. Wir müssen auf unser Spiel schauen", gibt Schneider die Marschroute für die insgesamt sehr junge deutsche Mannschaft aus. Sicher tummeln sich vor dem Berliner Reichstag täglich hunderttausende Landsleute voller Träume vom Titel, und natürlich erhoffen sich Abend für Abend im Münchener Olympiapark scharenweise Deutscher den Weg bis ins Finale. Aber der "Leisetreter" unter den kickenden DFB-Idolen sagt nur: "In unserem Hotel kann man sich auch mal zurückziehen. Wenn man will, kann man den Fernseher anmachen. Dann ist man ja mittendrin."

Aber es wäre vermessen, zu glauben, dass nicht auch Schneiders Puls allmählich zu pumpen beginnt. Besonders jetzt, 24 Stunden vor dem zweiten und durchaus richtungsweisenden Spiel der Gruppe A gegen Polen. Das nämlich findet im FIFA WM-Stadion Dortmund statt, im gemeinhin als deutschem Fussball-Tempel bekannten Rund. "Ich habe da so 'ne ganz persönliche Highlight-Liste. Und da ist Dortmund ganz oben. Was damals im Play-off-Spiel gegen die Ukraine vor der WM 2002 abging, das war der Wahnsinn." Derartige Superlative hört man selten von ihm, und deshalb muss man genau hinhören. "Schon in München beim Eröffnungsspiel hatte ich Gänsehaut." Der Sympathieträger mit der filigranen Ballbehandlung hat keinen Zweifel daran, dass dieser Gemütszustand am Mittwochabend um Punkt 21 Uhr beim Anstoß gegen die Polen noch getoppt wird.
"Wenn wir das Spiel gewinnen, dann wissen wir, dass wir im Achtelfinale sind", gibt Schneider einen kurzen Einblick in seine stets auf das nächste Spiel und nie auf das Ganze fokusierte Seele. Dabei gefällt es ihm sogar ganz gut, im Duell mit dem Team von Trainer Pawel Janas, das zum Auftakt überraschend mit 0:2 gegen Ecuador unterging, nicht mehr selbst im Blickpunkt zu stehen. "Ich freue mich, dass Ballack wieder wieder dabei ist. Er ist wichtig für uns, nicht nur, weil er wichtige Tore schießt, sondern von seiner ganzen Art her. Deshalb ist es kein Problem für mich, die Binde wieder abzugeben." Im Gegenteil: So kann er endlich wieder aus dem geschätzten Hintergrund für Akzente sorgen.

Kein Wunder, dass der zurückhaltende Schneider im bisherigen Turnierverlauf auch eher Sympathien für die nicht so im Blickfeld stehenden Teams ergriffen hat. "Ich hatte endlich auch mal Zeit, mir ein paar andere Spiele im TV anzuschauen. Wer mich am meisten begeistert hat? Trinidad und Tobago. Die haben gefightet bis zum Schluss. Genauso wie die Iraner." Über die Darbietungen der großen deutschen Konkurrenten im Rennen um die Krone hat er sich nicht geäußert. Die Argentinier, die Engländer, die Niederländer? "Mir sind keine neuen fussballerischen Varianten aufgefallen. Naja, das Tempo war halt überall extrem hoch." Ähnlich hoch wie im eigenen Spiel gegen Costa Rica, woran vor allem auch Schneider seinen Anteil hatte.
Gedanken an das Finale macht er sich freilich noch nicht. Es würde auch nicht seinem Charakter entsprechen. "Es ist zwar eine Floskel, aber das nächste Spiel ist halt wirklich immer das Schwerste", meinte er auf Nachfrage von FIFAworldcup.com Aber eines, das weiß auch Schneider: "Es ist schon so, dass unsere Fans uns hier zuhause so richtig pushen können. Und es ist schon gut möglich, dass das am Ende der entscheidende Kick sein kann", sprach er, beendete das Gespräch und nahm noch einen Schluck aus der Wasserflasche, die er zuvor erfrischend normal und eben einfach nur "Fussballer-like" gekonnt trickreich mit einem kleinen Feuerzeug öffnete.



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